DAS VERLORENE PARADIES

DER FLUCH DER KULTUR

Die Kultur hat Europa in ein Zuchthaus verwandelt und die Mehrzahl seiner Bewohner in Zwangsarbeiter.

Der moderne Kulturmensch fristet ein elenderes Leben als alle Tiere der Wildnis: die einzigen Wesen, die noch bemitleidenswerter sind, als er, sind seine Haustiere – weil sie noch unfreier sind. Das Dasein eines Büffels im Urwalde, eines Kondors in den Anden, eines Haifisches im Ozean ist unvergleichlich schöner, freier und glücklicher als das eines europäischen Fabrikarbeiters, der, Tag für Tag, Stunden und Stunden an seine Maschine gekettet, unorganische Handgriffe verrichten muß, um nicht zu verhungern. Auch der Mensch war einst in der Vorzeit ein glückliches Wesen: ein glückliches Tier. Da lebte er in Freiheit, als Teil einer tropischen Natur, die ihn nährte und wärmte. Sein Leben bestand in der Befriedigung seiner Triebe; er genoß es, bis ihn ein natürlicher oder gewaltsamer Tod traf. Er war frei; lebte in der Natur – statt im Staate; spielte – statt zu arbeiten: darum war er schön und glücklich. Sein Lebensmut und seine Lebensfreude waren stärker als alle Schmerzen, die ihn trafen und als alle Gefahren, die ihm drohten. Im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch dieses köstliche, freie Dasein verloren. Der Europäer, der sich für den Gipfel der Zivilisation hält, lebt in unnatürlichen und häßlichen Städten ein unnatürliches, häßliches, unfreies, ungesundes, unorganisches Leben. Mit verkümmerten Instinkten und geschwächter Gesundheit atmet er in düsteren Räumen verdorbene Luft; die organisierte Gesellschaft, der Staat, raubt ihm jede Bewegungs- und Handlungsfreiheit, während ein rauhes Klima ihn zu lebenslänglicher Arbeit zwingt. Die Freiheit, die er einst besaß, hat der Mensch verloren: und mit ihr das Glück.

 

aus: Praktischer Idealismus von Richard Coudenhove Kalergi

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